Je länger ich die deutsche Politik beobachte, desto öfter habe ich ein seltsames Déjà-vu.
Manche Entwicklungen in der deutschen Politik kommen mir erstaunlich vertraut vor. Als jemand, der Russland der frühen 2000er erlebt hat, schaue ich manchmal auf politische Debatten hierzulande und denke: Moment … dieses Drehbuch kenne ich doch irgendwoher.
Da wäre zuerst die Alternative für Deutschland. Ihre Mischung aus Kulturkampf, Polarisierung und rechter Identitätspolitik erinnert mich stellenweise an Einiges Russland – nur bislang ohne Staatsapparat im Rücken und ohne die eingebaute Selbstverständlichkeit, mit der Korruption und Patronage dort zum politischen Betrieb dazugehören.
Dann haben wir das Bündnis Sahra Wagenknecht. Und hier wird mein russisches Gehirn sofort nervös: Das wirkt auf mich manchmal wie die deutsche Version der Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) – politisch vor allem für Menschen gebaut, die irgendwo zwischen Sowjetnostalgie und „früher war wenigstens Ordnung“ stehen. Laut genug für Protest, aber nicht unbedingt mit dem Anspruch, das System wirklich zu übernehmen.
Und heute wurde für mich der dritte Baustein eingebaut.
Mit Wolfgang Kubicki an der Spitze der FDP drängt sich mir plötzlich eine andere Erinnerung auf: die Liberal-Demokratische Partei Russlands (LDPR) von Wladimir Schirinowski.
Und nein – der Name war damals genauso irreführend wie er klingt.
Die LDPR hatte mit Liberalismus ungefähr so viel zu tun wie ein Fisch mit Fahrradfahren. Schirinowski war weniger Politiker als Dauerprovokateur. Er beschimpfte Gegner, forderte regelmäßig absurde oder aggressive Maßnahmen und verwandelte Politik in eine Mischung aus Stammtisch und Bühnenshow.
Die Partei bot selten Lösungen an. Aber sie verstand etwas anderes ziemlich gut: Frust einsammeln. Wut verpacken. Aufmerksamkeit produzieren.
Und genau deshalb finde ich Kubickis Idee, die Brandmauer zur AfD einzureißen, politisch gar nicht so unlogisch – jedenfalls, wenn man die Sache durch russische Brille betrachtet.
Denn falls sich die FDP endgültig vom Liberalismus verabschiedet und ihren Platz rechts der CDU oder in Konkurrenz zur AfD sucht, könnte in Ostdeutschland etwas entstehen, das ich aus Russland sehr gut kenne. Nicht jede dominante Partei regiert allein – oft braucht sie politische Nebenrollen. Gerade in postsozialistischen Gesellschaften, die Erfahrungen von Kontrollverlust, Systembruch und Misstrauen gegenüber Institutionen teilen, funktionieren solche Modelle erstaunlich gut. Eine Kraft strebt nach Macht und deren Absicherung – und daneben existiert eine Opposition, die laut wirkt, diese Macht aber nicht grundsätzlich gefährdet.
Vielleicht liege ich komplett falsch. Aber manchmal schaut man auf eine politische Bühne – und erkennt plötzlich ein altes Stück wieder.
