Vetternwirtschaft in der AfD. Kein Bug, sondern Feature.

Die jüngsten Nachrichten über Vetternwirtschaft in der AfD überraschen mich nicht. Es geht hier nicht um einzelne „Ausrutscher“ oder persönliche Verfehlungen. Es geht um ein Machtverständnis. Um ein Modell.

Ein Blick nach Russland zeigt, wie ein solches Modell funktioniert: Laut einer Recherche des unabhängigen Mediums „Projekt“ haben mindestens 76 % der russischen Staatsbediensteten Verwandte, die ebenfalls im Staatsdienst, in staatsnahen Unternehmen, öffentlichen Organisationen oder politischen Parteien tätig sind. Untersucht wurden die familiären Verbindungen von mehr als 1.300 Personen im Machtapparat. Das Ergebnis ist eindeutig: Vetternwirtschaft ist dort kein Randphänomen – sie ist strukturelles Prinzip.

Wer nun glaubt, dass ähnliche Enthüllungen in Deutschland AfD-Wählerinnen und -Wähler automatisch abschrecken würden, unterschätzt eine tief verankerte Erfahrung aus autoritären oder postsozialistischen Systemen: Nicht der Rechtsstaat schützt dich – sondern dein Netzwerk. „Schlau“ ist nicht, wer sich auf Regeln verlässt, sondern wer sich so arrangiert, dass am Ende ein Vorteil für ihn selbst oder die eigene Familie herausspringt.

In vielen Teilen der ehemaligen DDR wie auch in Russland haben Menschen gelernt, dass Beziehungen wichtiger sind als Institutionen. Wer keine Kontakte hatte, war der Schwache. Wer jemanden „kannte“, kam durch. Dieses Denken verschwindet nicht automatisch mit dem politischen Systemwechsel. Es prägt Erwartungen an Staat und Politik – bis heute.

Ich erinnere mich an eine Diskussion mit einem Jugendfreund aus Russland. Er verteidigte das korrupte System Putins mit dem Argument, ohne Bestechung würde er im Gefängnis landen. Korruption sei sein Schutzmechanismus. Ihn davon zu überzeugen, dass in einem funktionierenden Rechtsstaat Bestechung gar nicht nötig wäre – dass er mit einem regulären Job ein gutes Leben führen könnte –, habe ich nicht geschafft. Er ist vor fünf Jahren an einer Überdosis gestorben.

Korruption erscheint in solchen Denkmodellen nicht als moralisches Problem, sondern als Überlebensstrategie. Der Staat wird nicht als gemeinsames Projekt verstanden, sondern als Ressource, aus der man sich – wenn man kann – etwas sichern sollte.

Wenn Politik auf dieser Logik aufbaut, wird Vetternwirtschaft nicht als Skandal empfunden, sondern als Normalität. Und genau das ist gefährlicher als einzelne Personen oder einzelne Affären. Es geht nicht nur um eine Partei. Es geht um das Prinzip, nach dem Staat organisiert sein soll.

Ein demokratischer Rechtsstaat basiert auf Regeln, Transparenz und gleichen Chancen – nicht auf Loyalitätsnetzwerken. Wer den Staat als Beute begreift, verändert ihn grundlegend.

Und das ist kein Zufall. Das ist ein System.